Ich habe jetzt Kontakt zu den Naschi-Aktivisten, die kurz vor der Wahl aus Moskau hierher beordert wurden, um die Jugend zu Putin-Gläubigen zu machen. In Burjatien gab es bislang keine der aggressiven Aktionen der „Unsrigen“, weil sich keine Aktivisten finden ließen. Das soll sich mit Lena und Denis ändern. Die beiden forschen Mittzwanziger haben am Abend eine Versammlung organisiert und eine kleine Gruppe Studierender hat sich zusammengefunden. Denis, professionell geschult, bereitet sie auf ihre anstehende Aufgabe vor: Als „Brigadiere“ sollen sie in Universitäten dazu aufrufen, an den Wahlen teilzunehmen. Da „Naschi“ eine Bewegung und keine politische Partei ist, ist der Aufruf oberflächlich neutral gehalten. Unmissverständlich jedoch, wo das Kreuzchen zu setzen ist.
„Wie heißt das Instrument für das Wachstum unseres bedeutenden Landes?“ Die junge Frau, die aufstehen muss, um zu antworten, lächelt verzweifelt. Denis wartet mit strengem Blick auf die richtige Antwort. „Der Sieg Russlands - vielleicht?“ fragt sie schüchtern. Die anderen kichern und Denis lächelt spöttisch. Die Befragte hat den Wahlkampfslogan der Partei „Einiges Russland“ durcheinander gebracht, der da heißt: „Putins Plan: Der Sieg Russlands!“. Die richtige Antwort wäre „Putins Plan“ gewesen.
Lena, gar nicht dumm, dreht den Spieß für mich um, und stellt mich kurzerhand als Journalistin aus Deutschland vor, die gern Fragen beantwortet. Äh. Unversehens bin ich Repräsentantin westlicher Politik und muss Fragen zu folgenden Themen beantworten:
-Welche Probleme junge Menschen in Deutschland haben
-Berichterstattung über Naschi, Putin, Russland in deutschen Medien
-Orangene Revolution und die Rolle der USA
-Irak-Krieg, Stellung Deutschlands dazu
-Energieversorgung, Konflikt mit der Ukraine, Stellung Deutschlands dazu
i tak dalje. Puh. Alles auf Russisch. Ich habe ehrlich geantwortet, das löste mitunter Erstaunen aus.
Morgen sind aber die Naschi-Agitatoren dran, dann frage ich!
Freitag, 23. November 2007
Mittwoch, 21. November 2007
Bargusin-Tal
Nach unserer Rückkehr nach Ulan Ude bin ich am nächsten Tag sofort wieder losgefahren, diesmal mit der NGO "Firn", die mit ihrem Ableger "Firn-Travel" auch ökologischen Tourismus betreiben, und das ist gar nicht so selbstverständlich hier. Im Minibus ging es die gleiche Strecke wieder nach Norden, den Baikal entlang, aber dann nochmal weitere vier Stunden in das Bargusin-Tal, der höchste Gipfel der umliegenden Berge ist fast 3000 Meter. Die Jungs von Firn-Travel, Alexej, Slawa und Igor haben dort ein ethno-kulturelles Festival ausgerichtet: Durch die Abgeschiedenheit des Tales haben sich hier die burjatische und die - noch viel ältere ewenkische- Kultur erhalten. Die Ewenken lebten hier noch vor den Burjaten, sie waren ein Waldvolk (die Burjaten waren ein Steppenvolk) und in Kleidung und Bräuchen den Indianern sehr ähnlich. Die Vorfahren der Indianer sind ja laut Ethnologen sowieso vor langer Zeit aus Sibirien über Alaska nach Amerika gewandert, aber ich will hier nicht dozieren.
Firn-Travel will mit dem Festival, das unter dem Motto "Was würde ich Gästen im Bargusin-Tal zeigen?" steht, den Bewohnern Möglichkeiten eines bescheidenen Auskommens im Tourismus aufzeigen, und dazu gehört eben auch die Darbietung von Folklore. Mehrere Ensembles aus der Umgebung stellen sich hier im Wettbewerb einer Jury. Die Jurymitglieder sitzen auch mit im Minibus, sie sind alle irgendwie Funktionäre aus Ulan Ude und arbeiten u.a. im Ministerium für Tourismus. Nach neun Stunden Fahrt und zahlreichen, schon erwähnten Haltestellen kommen wir in Kurumkan an, ein größeres Dorf, umgeben von eindrucksvollen Bergen. Es ist sehr kalt hier, aber das muss ich wohl eigentlich nicht erwähnen.
Jedenfalls stehe ich ja nicht so auf Folklore, aber am folgenden Tag wohne ich brav dem Festival bei, das in der Stadthalle stattfindet, mache viele Fotos und Aufnahmen der Gruppen, denn es ist ja alles interessant für mein Tourismus-Thema. Außerdem werde ich einen Artikel für Inform Polis über das Festival schreiben.
Das Tal hat auch noch einiges anderes zu bieten, z.B. ein buddhistisches Datsan, besondere, heilige Felsformationen und heiße Quellen. Und alles vollkommen abgeschieden, vom Tourismus vollkommen unberührt. Firn-Travel setzen auf sanften und lebensnahen Tourismus, so werden Touristen in einheimischen Familien untergebracht.
Nach dem Festival wartete im einzigen Cafe der Dorfes ein riesiges Fest-Bankett auf uns und ich werde den Verlauf des weiteren Abends nicht detailreich beschreiben, nur soviel: Die spinnen, die Russen!
Unzählige Wodkaflaschen wurden vernichtet und natürlich wurde ich auch dazu aufgerufen, einen Tost zu bringen. Bei den anderen waren die Tosts bereits zu ca. halbstündigen Reden und gesanglichen Darbietungen ausgeufert. Ich habe mich tapfer geschlagen, und wirklich länger geredet, so lange, dass ich am Ende fast den Tost vergessen hätte, der da lautet: "Sa wasche rodina!" (Der Fall ist bestimmt wieder nicht richtig..ich werde mir das nie merken können) Das kam natürlich super an, alle waren stolz auf mich ("Maledjez!") und ich war auch stolz auf mich.
Im Nebenraum fand zeitgleich die samstagliche Dorfdisko statt, wohin sich dann die lustige Gesellschaft im späteren Verlauf verlagerte. Warum hört sich russischer Billig-Pop in Russland eigentlich so gut an und in Deutschland dann immer so schrecklich? Tschornie Glasa, na, na tschornie glasa...
Firn-Travel will mit dem Festival, das unter dem Motto "Was würde ich Gästen im Bargusin-Tal zeigen?" steht, den Bewohnern Möglichkeiten eines bescheidenen Auskommens im Tourismus aufzeigen, und dazu gehört eben auch die Darbietung von Folklore. Mehrere Ensembles aus der Umgebung stellen sich hier im Wettbewerb einer Jury. Die Jurymitglieder sitzen auch mit im Minibus, sie sind alle irgendwie Funktionäre aus Ulan Ude und arbeiten u.a. im Ministerium für Tourismus. Nach neun Stunden Fahrt und zahlreichen, schon erwähnten Haltestellen kommen wir in Kurumkan an, ein größeres Dorf, umgeben von eindrucksvollen Bergen. Es ist sehr kalt hier, aber das muss ich wohl eigentlich nicht erwähnen.
Jedenfalls stehe ich ja nicht so auf Folklore, aber am folgenden Tag wohne ich brav dem Festival bei, das in der Stadthalle stattfindet, mache viele Fotos und Aufnahmen der Gruppen, denn es ist ja alles interessant für mein Tourismus-Thema. Außerdem werde ich einen Artikel für Inform Polis über das Festival schreiben.
Das Tal hat auch noch einiges anderes zu bieten, z.B. ein buddhistisches Datsan, besondere, heilige Felsformationen und heiße Quellen. Und alles vollkommen abgeschieden, vom Tourismus vollkommen unberührt. Firn-Travel setzen auf sanften und lebensnahen Tourismus, so werden Touristen in einheimischen Familien untergebracht.
Nach dem Festival wartete im einzigen Cafe der Dorfes ein riesiges Fest-Bankett auf uns und ich werde den Verlauf des weiteren Abends nicht detailreich beschreiben, nur soviel: Die spinnen, die Russen!
Unzählige Wodkaflaschen wurden vernichtet und natürlich wurde ich auch dazu aufgerufen, einen Tost zu bringen. Bei den anderen waren die Tosts bereits zu ca. halbstündigen Reden und gesanglichen Darbietungen ausgeufert. Ich habe mich tapfer geschlagen, und wirklich länger geredet, so lange, dass ich am Ende fast den Tost vergessen hätte, der da lautet: "Sa wasche rodina!" (Der Fall ist bestimmt wieder nicht richtig..ich werde mir das nie merken können) Das kam natürlich super an, alle waren stolz auf mich ("Maledjez!") und ich war auch stolz auf mich.
Im Nebenraum fand zeitgleich die samstagliche Dorfdisko statt, wohin sich dann die lustige Gesellschaft im späteren Verlauf verlagerte. Warum hört sich russischer Billig-Pop in Russland eigentlich so gut an und in Deutschland dann immer so schrecklich? Tschornie Glasa, na, na tschornie glasa...
Montag, 19. November 2007
Unterwegs
Ich war in der vergangenen Woche viel unterwegs. Erstmal haben mich Coelma und Slawa, die Herausgeber der Zeitung Inform Polis, zu ihrer Tourbasa (Ferienheim für die gesamte Belegschaft) an den Baikal mitgenommen. Das Dorf heißt Ust-Bargusin und liegt vor der "heiligen Nase" an der Ostküste. Mit von der Partie war Larissa, die früher bei der Zeitung gearbeitet hat, vor acht Jahren aber nach Israel ausgewandert ist, und das erste Mal auf Heimatbesuch ist. Die Fahrt dauerte fünf Stunden und Sascha, unser Fahrer brettert in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit über vereiste Pisten, die ich nicht als Straßen bezeichnen möchte. Während Falcos "Jeanny" aus den Boxen des BMW-Jeeps dröhnt, Slawas Lieblingslied, taste ich unauffällig nach dem Verschluss des Sicherheitsgurtes. Vergebens. Um mein deutsches Sicherheitsbedürfnis nicht preiszugeben, frage ich auch nicht danach. Hier schnallt sich wirklich niemand an.
Unterwegs halten wir oft an: An der Straße gibt es viele heilige Orte, die an den bunten Bändern in den Bäumen erkennbar sind. An ihnen huldigen die Reisenden den Geistern der Natur. Das geschieht so: Alle steigen aus, die Wodkaflasche wird ausgepackt, einige Tropfen mit Fingern in die Landschaft verspritzt, den Rest selbst trinken, ausgenommen erfreulicherweise der Fahrer.
Nach einigen dieser Haltestellen kralle ich mich auch nicht mehr so panisch an dem Türgriff fest und verliere nicht die Fassung, wenn der Wagen mal die Bodenhaftung verliert.
Der erste Halt am Baikal ist sehr emotional, die Sonne geht gerade unter, und ich stehe tatsächlich das erste Mal an seinem Ufer. Larissa war seit acht Jahren nicht mehr hier und weint, und auch meine Gefühle werden ganz - russisch.
Als wir in der Tourbasa eintreffen hat Köchin Lena schon kräftig aufgetischt, u.a. einen riesigen Fisch aus dem Baikal. Nach viel Essen und Trinken packt Slawa die Gitarre aus und es ist nicht übertrieben, wenn ich sage: Kak Wyssotzki! (berühmter russischer Sänger) Wunderbar. Und wenn ich dann auch noch erzähle, dass wir am nächsten Abend in der Banja waren und ich etwas gemacht habe, was ich schon immer machen wollte, nämlich sich nach der Banja draußen in einen großen Haufen Schnee zu schmeißen, weiß ich, dass einige von Euch neidisch sein werden. Mehr Neid erzeuge ich im nächsten Post, da erzähle ich vom Bargusin-Tal, und Fotos folgen. Poka Cati.
Unterwegs halten wir oft an: An der Straße gibt es viele heilige Orte, die an den bunten Bändern in den Bäumen erkennbar sind. An ihnen huldigen die Reisenden den Geistern der Natur. Das geschieht so: Alle steigen aus, die Wodkaflasche wird ausgepackt, einige Tropfen mit Fingern in die Landschaft verspritzt, den Rest selbst trinken, ausgenommen erfreulicherweise der Fahrer.
Nach einigen dieser Haltestellen kralle ich mich auch nicht mehr so panisch an dem Türgriff fest und verliere nicht die Fassung, wenn der Wagen mal die Bodenhaftung verliert.
Der erste Halt am Baikal ist sehr emotional, die Sonne geht gerade unter, und ich stehe tatsächlich das erste Mal an seinem Ufer. Larissa war seit acht Jahren nicht mehr hier und weint, und auch meine Gefühle werden ganz - russisch.
Als wir in der Tourbasa eintreffen hat Köchin Lena schon kräftig aufgetischt, u.a. einen riesigen Fisch aus dem Baikal. Nach viel Essen und Trinken packt Slawa die Gitarre aus und es ist nicht übertrieben, wenn ich sage: Kak Wyssotzki! (berühmter russischer Sänger) Wunderbar. Und wenn ich dann auch noch erzähle, dass wir am nächsten Abend in der Banja waren und ich etwas gemacht habe, was ich schon immer machen wollte, nämlich sich nach der Banja draußen in einen großen Haufen Schnee zu schmeißen, weiß ich, dass einige von Euch neidisch sein werden. Mehr Neid erzeuge ich im nächsten Post, da erzähle ich vom Bargusin-Tal, und Fotos folgen. Poka Cati.
Sonntag, 11. November 2007
Burjatisches Dorf und Nebensächlichkeiten
Lenin und Tscheburaschka
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